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Antrag NR 67/26: Hitze-Sofortprogramm

Mittwoch, 23.9.2026

Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen:

Der Magistrat wird aufgefordert, bis zum Frühjahr 2027 – rechtzeitig vor Beginn der nächsten Hitzesaison – integrierend in den bestehenden Klimawandelaktionsplan (KWAP) ein Hitze-Sofortprogramm zu entwickeln und umzusetzen. Das Sofortprogramm soll auf Grundlage der Hitzewarnungen des DWD bei anhaltender besonderer Hitzebelastung kurzfristig greifen.

Es soll insbesondere folgende Bausteine umfassen:

1.  Einheitliche Auslösung:  Die bereits bestehenden Warn- und Informationswege sollen so gebündelt werden, dass alle relevanten Ämter und Einrichtungen bei entsprechender Hitzebelastung frühzeitig informiert und erforderliche Maßnahmen ausgelöst werden können.

2.     Kommunikation bündeln: Die bestehenden Bausteine des KWAP (Hitzewarnungen des Gesundheitsamts, Klimalotsinnen und -lotsen, Kühle-Orte-Karte) sollen um Informationskanäle und Verbreitungswege ergänzt werden, damit insbesondere vulnerable Gruppen niedrigschwellig und zielgerichtet an die wichtigsten Informationen und Hilfsangebote gelangen.

3.     Kommunales Hitzeschutz- und Vulnerabilitätsregister:  für gefährdete Personen entwickelt die Stadt schnellstmöglich eine freiwillige Meldedatei zur gezielten Ansprache in Hitzeperioden.

 4.     Kühle Orte kurzfristig ausweiten: Bestehende städtische und nichtstädtische Angebote sollen in Anlehnung an best-practice Beispiele aus bspw. Erfurt, Mannheim, Karlsruhe, Mainz, Amsterdam, Paris oder Lyon niedrigschwellig stärker als kühle Aufenthaltsorte nutzbar gemacht werden. Dabei sollten auch temporäre Übernachtungsangebote für Menschen, die in überhitzten Wohnungen leben, mitgedacht werden. Hierfür legt der Magistrat innerhalb von sechs Monaten eine Liste städtischer und stadtnaher Gebäude und Liegenschaften vor, die hierfür geeignet sind. Desweiteren wird der Magistrat in diesem Rahmen beauftragt, auf Dritte, wie z.B. Kirchen, Sportvereine, Stadtteilbüros, etc. zuzugehen. 

5.     Zentrale Information sicherstellen: Bestehende zentrale Informationswege, insbesondere die Behördennummer 115, sollen genutzt werden, um gebündelt über kühle Orte und zielgruppenspezifische Hilfsangebote zu informieren.

6.  Vulnerable Gruppen gezielt schützen: Der KWAP sieht für Gemeinschaftsunterkünfte bereits Ventilatoren und mobile Klimageräte vor. Hitzeschutzmaßnahmen sollen bedarfsgerecht auf weitere sensible Einrichtungen ausgeweitet und um zusätzliche Trinkwasserangebote ergänzt werden. Dazu zählen insbesondere: Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen, Pflegeheime und Seniorenwohnanlagen. Die Angebote für Wohnungslose, Alleinlebende und Menschen mit Behinderung sowie Seniorinnen und Senioren (z. B. Hitzebus, aufsuchende Sozialarbeit, Transportwesen) sollen räumlich und zeitlich ausgeweitet werden.

7. Evaluation und Verstetigung: Jährliche Fortschreibung und Wirksamkeitsprüfung des Sofortprogramms durch die Koordinierungsgruppe Klimawandel –– mit Bericht an die Stadtverordnetenversammlung im Rahmen des fortlaufenden „Dachberichtes zur Klimastadt Frankfurt“ (zuletzt B 291/25)

8.     Finanzierung: Eine angemessene Finanzierung der Sofortmaßnahmen ist ab 2027 in den Haushaltsplanungen abzubilden und einzeln auszuweisen.

Begründung:

Frankfurt am Main zählt zu den heißesten Großstädten Deutschlands. Bereits im Juni 2026 sorgten Temperaturen von über 40 Grad für eine erhöhte Auslastung der Notfallrettung, Mitte Juli 2026 folgte mit Werten bis 41 Grad die nächste Hitzewelle. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts starben 2026 bundesweit schon bis Anfang August mehr als 11.900 Menschen an den Folgen der Hitzewellen; das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos beziffert allein die Schäden der ersten Hitzewelle auf mehr als sechs Milliarden Euro. Die Klimakrise ist also bereits da. Neben der Notwendigkeit, Klimaschutz stärker zu priorisieren, bleibt es nicht aus, dass wir uns dieser Situation stärker anpassen müssen. Maßnahmen wie die Gestaltungssatzung „Freiraum und Klima“, das Schwammstadtprinzip, der Erhalt der Frischluftschneisen oder das Pflanzen von über 15.000 neue Bäumen seit 2015 sind wichtig, wirken aber überwiegend mittel- bis langfristig.

 Ergänzend zu den präventiven langfristigen Maßnahmen brauchen wir bei Hitzewellen kurzfristige Soforthilfe. Frankfurt verfügt mit dem KWAP bereits über ein detailliertes Instrument der akuten Gefahrenabwehr bei Hitze. Er bündelt zahlreiche Einzelmaßnahmen: Hitzewarnungen des Gesundheitsamts an sensible Einrichtungen und die Allgemeinbevölkerung, eine Kühle-Orte-Karte im Geoportal, ein saisonal betriebenes Trinkbrunnennetz, Merkblätter und Sofortmaßnahmen für Schulen bei DWD-Hitzewarnung, Hitzeschutzmaßnahmen (u. a. mobile Klimageräte) in Gemeinschaftsunterkünften, mehrsprachige Aufklärung durch Klimalotsinnen und Klimalotsen sowie den Hitzebus des Frankfurter Vereins für wohnungslose Menschen, der bereits heute ab drei Tagen in Folge mit Temperaturen über 32 Grad aktiv wird. Der KWAP selbst beschreibt sich als Dokument, das „kontinuierlich erweitert und aktualisiert“ wird. Der KWAP ist damit ein Verwaltungsinstrument: Er regelt, welche Stelle bei welchem Ereignis mit welcher bereits vorhandenen Maßnahme reagiert. Darüber hinaus sind jedoch noch weitere kurzfristig aktivierbare Maßnahmen für den Fall mehrtägiger Extremhitze notwendig.

 Auch andere Städte zeigen, wie ein solches Sofortprogramm aussehen kann. Karlsruhe hat einen Hitzeaktionsplan mit 64 konkreten Einzelmaßnahmen beschlossen – von einem an die Behördennummer 115 gekoppelten Hitzetelefon über automatisch mit dem DWD-Warnsystem verknüpfte Zuständigkeiten bis zu Hitzepatenschaften für ältere Menschen. Köln schreibt seinen Hitzeaktionsplan jährlich über einen „Runden Tisch“ aus Gesundheitsamt, Wissenschaft und Sozialverwaltung fort und dokumentiert den Umsetzungsstand öffentlich. Wiesbaden legt für jede Maßnahme klare Zuständigkeiten und Auslösezeitpunkte fest, weitet Trinkwasserangebote im Sommer aus und informiert bei Hitzewarnungen zusätzlich über digitale Verkehrsschilder. Mannheim, Erfurt und Karlsruhe bieten an Hitzetagen kostenlosen Eintritt in Museen an. Lyon stellt Menschen aus überhitzten Wohnungen kostenfreie Übernachtungsmöglichketen in Parks zur Verfügung. Amsterdam bietet kühle Orte an, zu denen man Haustiere mitbringen kann. Neben kostenfreien kühlen Orten erproben einige Städte auch vergünstigte kühle Orte, wie vergünstigte Übernachtungen für Anwohnende in Hotels (Mainz) oder günstigere Nachmittagsvorstellungen in Kinos für junge und ältere Menschen (Paris). Leverkusen versteht seinen Hitzeaktionsplan ausdrücklich als „dynamisches Dokument“, das kurzfristige Schutzmaßnahmen mit langfristigem Stadtumbau verbindet. 

Ein Hitze-Sofortprogramm ergänzt die bestehenden kurzfristigen Maßnahmen aus dem Klimawandelaktionsplan und die langfristigen Instrumente aus der Frankfurter Anpassungsstrategie an den Klimawandel um weitere verbindliche, kurzfristig aktivierbare Maßnahmen für den akuten Krisenfall.

Es stellt sicher, dass insbesondere vulnerable Gruppen – ältere und pflegebedürftige Menschen, Kinder, Schwangere, chronisch Kranke und wohnungslose Menschen – nicht erst dann Hilfe erhalten, wenn Hitzeschäden bereits eingetreten sind, sondern vorsorglich geschützt werden.