Wieso wir den Eurobeitritt Bulgariens als Erfolg werten sollten
Liebe Freund*innen,
Anfang des Jahres haben gute Nachrichten kurz Schlagzeilen gemacht: Mein Heimatland Bulgarien hat zum 01.01.2026 den Euro eingeführt und die bisherige Währung, den bulgarischen Lew, abgelöst. Die Berichterstattung in den deutschen Medien konzentrierte sich dabei vor allem auf die Herausforderungen für das Land und für die Europäische Union: die hohe Skepsis gegenüber dem Euro in der bulgarischen Bevölkerung, die politische Instabilität mit massenhaften Protesten und sieben Parlamentswahlen innerhalb von vier Jahren sowie die tief verwurzelte Korruption, mit der das Land seit Jahrzehnten zu kämpfen hat.
All diese Beobachtungen sind richtig und wichtig. Sie zeigen jedoch fast ausschließlich Probleme und Herausforderungen und sie tun dies aus einer vor allem deutschen Perspektive. Kaum jemand hat den Eurobeitritt Bulgariens als das benannt, was er für viele Menschen im Land ist: eine gute Nachricht. Wenn ich mit Freund*innen in Bulgarien über den Euro spreche, stehen nicht Angst und Ablehnung im Vordergrund, sondern die Chancen für das Land und die Vorteile für die gesamte Europäische Union.
Genau deshalb ist es mir wichtig, dass auch auf Deutsch über den Eurobeitritt Bulgariens als Erfolg und als politische Chance gesprochen wird.
Der wichtigste Effekt der Einführung des Euro ist dabei nicht wirtschaftlicher, sondern politischer Natur.
Der erste politische Effekt ist die klare Stärkung der geopolitischen Ausrichtung Bulgariens. Ja, die Euroskeptiker*innen im Land sind zahlreich und laut. Ihre Skepsis speist sich aus einer toxischen Mischung aus Nostalgie für den Sozialismus und der Verdrängung der realen Ursachen der wirtschaftlichen Schwäche Bulgariens. Zu denen gehört auch eine schwache und abhängige Währung. Diese Gruppen stehen in enger Verbindung mit Gleichgesinnten in anderen europäischen Ländern, relativieren bei jeder Gelegenheit die europäische Werteordnung und orientieren sich politisch offen an Russland. Sie stilisieren die Europäische Union zur Bedrohung und verbreiten Verschwörungserzählungen über ein angeblich böses, liberales und arrogantes Europa, das gerne gendert und Entscheidungen über die Köpfe der „wahren Patrioten“ hinweg trifft.
Als ich letzten Sommer in Bulgarien war, begegneten mir an fast jeder Straßenecke pathetische Plakate gegen die Einführung des Euro, auf denen der Lew als Garant eines diffusen Nationalstolzes verklärt wurde. Der Eurobeitritt ist eine klare Antwort auf diesen Euroskeptizismus. Er ist ein politisches Bekenntnis dazu, wo Bulgarien langfristig steht. Die Mitgliedschaft in der Eurozone verankert das Land dauerhaft und unumkehrbar im europäischen Macht-, Werte- und Wirtschaftsraum. Sie stärkt die europäische Identität Bulgariens und erhöht seine außenpolitische Glaubwürdigkeit. Die Zukunft des Landes liegt nicht in einer sozialistischen Vergangenheit, sondern in einer gemeinsamen europäischen Zukunft.
Der zweite politische Effekt des Eurobeitritts ist eine stärkere institutionelle Kontrolle von Korruption und ein geringerer Einfluss Russlands. Beides kann nur im Interesse der Europäischen Union sein. Natürlich wird der Euro Korruption nicht von heute auf morgen abschaffen. Aber er verändert ihre Mechanismen, ihr Ausmaß und ihren gesellschaftlichen Stellenwert. Der Beitritt zur Eurozone bedeutet strengere Haushalts- und Finanzregeln, intensivere Kontrolle durch europäische Institutionen und deutlich höhere Transparenzanforderungen. Schwer nachvollziehbare Geldflüsse werden eingeschränkt, Schattenwirtschaft und alltägliche Korruption erschwert. Gleichzeitig wird die direkte finanzielle Einflussnahme aus Russland deutlich begrenzt. Korruption wird damit nicht verschwinden, aber sie verliert ihren informellen, allgegenwärtigen Charakter.
Der dritte politische Effekt ist die mögliche Wiederherstellung langfristiger politischer Stabilität. Als Mitglied der Eurozone hätte Bulgarien im Krisenfall Zugang zu den geldpolitischen Instrumenten der Europäischen Zentralbank, die in der Lage ist, wirtschaftliche Schocks abzufedern. Diese Unterstützungsmöglichkeit stärkt nicht nur die wirtschaftliche Resilienz, sondern auch das politische Selbstvertrauen des Staates: ein Selbstvertrauen, das durch die zahlreichen Krisen der letzten 25 Jahre nahezu aufgebraucht ist. Die strengen rechtlichen und institutionellen Anforderungen der Eurozone setzen ein hohes Maß an Vorhersehbarkeit staatlichen Handelns voraus. Das begrenzt populistische Spielräume, wirkt stabilisierend auf das politische System insgesamt und stärkt das Vertrauen der Bürger*innen in staatliche Institutionen. Genau daran mangelt es in Bulgarien derzeit massiv. In kaum einem anderen EU-Land ist das Vertrauen in staatliche Institutionen so niedrig.
Warum schreibe ich sieben Wochen vor unserer Kommunalwahl über ein Thema, das uns auf den ersten Blick gar nicht direkt betrifft?
Der erste Grund ist ein persönlicher. Die klare europäische Positionierung unserer Partei war einer der entscheidenden Gründe, warum ich parteipolitisch aktiv geworden bin und warum ich mich ganz bewusst für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN entschieden habe.
Ich bin Europäerin. Und ich bin Frankfurterin. Und genau daraus ergibt sich der zweite Grund. In keiner anderen deutschen Stadt ist Europa so unmittelbar spürbar wie bei uns: durch die Vielfalt unserer Stadtgesellschaft, durch die europäischen Institutionen, durch internationale Verbindungen, durch Offenheit und Austausch. Frankfurt ist die kleinste Metropole Europas und zugleich eine der europäischsten.
Es ist kein Zufall, dass unser Wahlprogramm für die Kommunalwahl mit Europa beginnt. Für uns GRÜNE ist Europa kein abstraktes Projekt, sondern Teil kommunaler Realität. Ein starkes grünes Ergebnis in Frankfurt ist deshalb immer auch ein starkes Signal für Europa. Wir haben viel vor: ein modernes Einwanderungsamt, ein Büro für europäische Transformation, eine stärkere Zusammenarbeit mit unseren Partnerstädten und noch so viel mehr. Wir wollen Europa im Frankfurter Alltag sichtbarer machen und dabei greifbarer und näher an den Menschen.
Gerade deshalb ist die kommende Kommunalwahl so wichtig: Weil Frankfurt zeigt, dass Europa nicht irgendwo weit weg beginnt, sondern hier, bei uns, vor Ort.
Eure Desislava
Beisitzerin im Kreisverband