Rede zum Thompson-Konzert in der Jahrhunderthalle
Sehr geehrte Stadtverordnetenvorsteherin, liebe Kolleg:innen,
liebe Frankfurter:innen
und vor allem lieber Benjamin,
an der Stelle möchte ich zumindest für die GRÜNE-Fraktion unsere volle Solidarität aussprechen und glaube auch, dass das gesamte Haus sich hinter dich stellt, wenn du Drohungen bekommst und du Anfeindungen erlebst. Dafür gibt es in Frankfurt definitiv keinen Platz und dafür stehen wir alle hier.
(Beifall)
Aber ich versuche jetzt noch mal eine andere Herangehensweise an diese doch schwierige Rede zu wagen. Ich bin in Frankfurt geboren, mit türkischer und mit deutscher Familiengeschichte. Man könnte sagen halb türkisch, halb deutsch. Aber meine Zugehörigkeit zu dieser Stadt lässt sich nicht halbieren. Ich bin ganzer Frankfurter. Ich frage mich bei der ganzen Debatte, wie können Menschen mehrere Zugehörigkeiten haben, hier Wurzeln schlagen und unsere Stadt gemeinsam bereichern? Auf der einen Seite verpflichtet uns gerade die deutsche Geschichte zur historischen Klarheit. Das faschistische Ustascha-Regime war mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet. Es verfolgte und ermordete Juden, Serb:innen, Roma sowie politische Oppositionelle. Das KZ Jasenovac steht für diese Verbrechen. Es war das einzige Vernichtungslager in ganz Europa, in dem eigenständig ohne deutsche Beteiligung gemordet wurde. Marko Perkovic Thompson verwendet in einem seiner bekanntesten Lieder „Bojna Cavoglave“ die historische Grußformel des Ustascha-Regimes „Za dom spremni!“ Dass diese später auch im Unabhängigkeitskrieg verwendet wurde, wurde schon gesagt. Es löscht aber nicht seine faschistische Herkunft aus. Gerade in Deutschland tragen wir die Verantwortung, der Verharmlosung eines mit dem NS-Staat verbündeten Terrorregimes entgegenzutreten. Das ist für mich Teil meiner mehrfachen Zugehörigkeit. Und wer seine Symbolik heute auf die Bühne trägt, berührt diese Geschichte nun mal. Und wenn sie nicht unmissverständlich ausgeräumt wird, dann muss klar sein: Dieser Faschismus hat in unserer Stadt keinen Platz!
Wir GRÜNEN lehnen die Verherrlichung dieser Ideologie und ihre Normalisierung durch populäre Musik entschieden ab.
(Beifall)
Unsere Kritik richtet sich aber an dieser Stelle ausdrücklich nicht gegen Kroatien, gegen die kroatische Kultur oder Menschen mit kroatischen Wurzeln. Aus Gesprächen mit Frankfurtern kroatischer Herkunft nehme ich zugleich mit, für manche verbindet sich diese Musik mit Familie, Heimat und Erinnerungen an den Unabhängigkeitskrieg. Der Krieg von 1991 bis 1995 bedeutet für viele Menschen Verteidigung, Flucht, Verlust und die Entstehung eines eigenen Staates. Diese Erfahrungen verdienen Gehör. Und sie gehören auch zu Frankfurt. Zugleich übernahmen einzelne Verbände im Unabhängigkeitskrieg diese faschistische Symbolik.
Und nun? Gerade Popkultur macht diese Verbindung wirksam. Musik erreicht uns über Gefühle, gemeinsame Erinnerungen und das Erlebnis, dazuzugehören. Sie kann Identität stützen, auch über Grenzen und Generationen hinweg. Sie kann aber ebenso nationale Feindbilder transportieren. Wenn faschistische Zeichen im kollektiven Erlebnis untergehen, können sie ihre Anstößigkeit verlieren. Nationalität wird dann zur exklusiven Zugehörigkeit und Verbundenheit zur Forderung nach nationaler Einheit. Darin liegt die Gefahr einer erneuten Renationalisierung. Das rechtfertigt keine pauschale Verurteilung des Publikums. Wir müssen uns aber fragen, was suchen so viele Menschen dort? Warum bedeutet ihnen diese Musik so viel?
Meine eigene Familiengeschichte beantwortet diese Frage für andere nicht. Sie erinnert mich aber daran, wie wichtig es ist, Zugehörigkeit nicht ständig beweisen zu müssen. Mein deutscher Großvater war als junger Mann Soldat in der Wehrmacht. Und mein türkischer Vater war Teil der linken Studentenbewegung in der Türkei, bis er beim Militärputsch 1980 inhaftiert und sehr hart bestraft wurde. Aus vielen Gesprächen mit Freunden mit Migrationsgeschichte weiß ich, wie zerrissen und fragil unsere Biografien in einem Land sein können, in dem Zugehörigkeit durch den deutschen Pass nicht garantiert wird, durch Rechtsextreme immer mehr infrage gestellt und durch Rassismus in die Arme derer befördert wird, die Heimat und Stärke versprechen und dafür auch Feindbilder brauchen. Was aber unsere Stadt auszeichnet: Frankfurter können sich mit ihrer Migrationsgeschichte verbunden fühlen und gleichzeitig Frankfurter sein. Dafür müssen sie keinen Teil ihrer Geschichte ablegen. Dieses Versprechen strömt durch die Gassen unserer Stadt und wird von uns allen bis auf den blauen Schlümpfen gelebt und verteidigt.
Seit der Ehrung von Saba-Nur Cheema vorgestern beschäftigt mich der Titel ihres mit Meron Mendel verfassten Buches „Die Empörungsfalle“. Denn was bleibt nach unserer nächsten zugespitzten Debatte? Empörung über Faschismus ist berechtigt und notwendig, aber sie allein schafft noch keinen Austausch. Wir müssen auch zuhören, Widersprüche aushalten und nachfragen. Und die Betroffenen von Rassismus und Antisemitismus dürfen dabei niemals zum Spielball extremistischer Akteure werden. Für uns GRÜNE gehören klare Haltung und Gesprächsbereitschaft unmissverständlich zusammen.
Die Jahrhunderthalle wird privat betrieben. Wir können ihr Programm nicht einfach per Parlamentsbeschluss bestimmen. Staatliche Eingriffe – es wurde schon gesagt – brauchen eine tragfähige Rechtsgrundlage. Zugleich tragen Veranstalter Verantwortung und müssen sich unserer öffentlichen Kritik stellen. Auch wenn wir diesen Antrag als Koalition ablehnen, ist das ein Zeichen unserer pluralen Demokratie, und das Wichtigste ist, dass wir im Dialog sind, in diesem Parlament, aber auch mit der Zivilgesellschaft und in die Auseinandersetzung gehen. Wir müssen auch feststellen, dass diese Debatten sich mehren. Frankfurt braucht einen neuen Umgang, sonst beschäftigen wir uns mit nichts anderem mehr als Konzerten, Auftritten und so weiter und so fort. Aber es wird mehr, und wir müssen uns dem stellen.
Ich appelliere deshalb an uns alle, den Dialog voranzubringen und dass der Magistrat einen kontinuierlichen Austausch mit Kulturveranstaltern, Jugendorganisationen, migrantischen Vereinen, Bildungsarbeit, Communitys et cetera pp. ermöglicht. Dabei müssen auch Menschen Gehör finden, die unsere Bewertung der Absage eines Konzerts nicht teilen. Frankfurt braucht Räume, in denen Familiengeschichten gehört, junge Menschen mitsprechen und historische Zusammenhänge verständlich werden und Platz für diverse Herkünfte ist. Hier können das AmkA, die VHS und das Dezernat von Stadträtin Tina Zapf-Rodriguez eine Schlüsselrolle einnehmen und Formate entwerfen, die uns alle in dieser Stadt zusammenbringen. Denn ich wünsche mir ein Frankfurt, in dem wir mehrere Heimaten haben und trotzdem zusammengehören, in dem wir einander zuhören und gemeinsam dafür einstehen, dass Menschenverachtung keinen Platz hat und in dem niemand wegen seiner Herkunft weniger Frankfurter ist als andere.
Vielen Dank!
(Beifall)
Die Rede wurde im Wortprotokoll der Stadtverordnetenversammlung vom 01.10.2026 dokumentiert.