Braucht es eine neue Sprache im Umgang mit der Realitätsverweigerung des AfD-Wählens?
Liebe Freund*innen,
ich bin gerade auf einen Text gestoßen, den ich vor vier Jahren, im Juli 2022, für die Grüne Woche geschrieben habe. Damals schrieb ich:
„während ich diese Zeilen schreibe, zeigt das Thermometer schwer erträgliche 30 Grad in meiner Wohnung an. Wenn ich die Haustür öffne und ins Freie komme, ist es noch viel heißer. Ich habe das Gefühl, gegen eine Hitzewand zu laufen. Wir alle erleben in diesen Tagen, dass der Klimawandel die ganze Welt in einem bisher undenkbaren Ausmaß erfasst hat. Es ist nicht nur die Hitze bei uns, wir erleben eine katastrophale Hitze mit verheerenden Waldbränden in ganz Südeuropa, in England werden Temperaturrekorde geknackt. Ganz schlimm wirkt sich die Trockenheit in Oberitalien aus, wo der Fluss Po, dessen Wasser sehr wichtig für die Landwirtschaft in der Region ist, auszutrocknen droht. Indien und Pakistan wurden im Mai von einer Hitzewelle mit Temperaturen über 50 Grad heimgesucht.“
Und jetzt, vier Jahre später, kam es noch schlimmer, der Sommer 2026 war noch heißer. Es ist schon sehr frustrierend, dass seitdem scheinbar überhaupt keine Konsequenzen gezogen wurden, der Klimawandel weiter ungebremst voran schreitet. Diesmal war das Niedrigwasser am Rhein Thema in unseren Medien, vom italienischen Po wurde wenig berichtet. Dabei wurden auch beim Po neue Rekordwerte gemessen, historische Tiefstände unterschritten. Aber es gibt in den Medien überhaupt nicht den Platz, um über die vielen Katastrophen, die sich aufgrund des Klimawandels überall auf der Welt ereignen, zu berichten.
In meinen Augen ist es Realitätsverweigerung, wie offensichtlich sehr viele Menschen mit dem Phänomen Klimawandel umgehen. Lieferprobleme, weil die Schiffe auf dem Rhein nicht mehr viel transportieren konnten mit erheblichen Auswirkungen auf unsere Wirtschaft – ist doch egal, lasst uns überall Klimaanlagen einbauen und in Zukunft mittags Siesta halten. Drastische Ertragseinbußen in der Landwirtschaft – wen interessiert das, unser Essen wächst bei REWE. Schmelzender Asphalt, Hitzeschäden im Schienenverkehr – solange meine Straße, meine Straßenbahn nicht betroffen ist – egal.
Es wurde hundertfach vorgerechnet, dass es um ein Vielfaches billiger ist, den Klimawandel zu verhindern, als im Nachhinein die Schäden bewältigen zu müssen, an den Realitätsverweigerern prallt alles ab.
Und genau die Partei, die die Realitätsverweigerung auf die Spitze treibt, die AfD, wird in Sachsen-Anhalt zur stärksten Kraft gewählt. Alice Weidel beschimpft die Bundesregierung als „Flachzangen“. Vielleicht sind wir viel zu freundlich zur AfD. Vielleicht müsste man mal deutlich machen, dass Dummheit und Realitätsverweigerung auf der anderen Seite wohnt: Ihr von der AfD seid so dumm, dass ihr bestreitet, dass es immer heißer wird, obwohl es jeder merkt. Ihr seid so dumm, dass ihr glaubt, dass wir einfach ignorieren können, dass unsere Landwirtschaft kaputt geht, unsere Flüsse versiegen, Straßen und Brücken kaputt gehen. Ihr seid so dumm, dass ihr glaubt, ihr könntet Millionen von Menschen aus Deutschland ausweisen und würdet dann noch in Krankenhäusern von Menschen gepflegt. Ihr seid so dumm, dass ihr glaubt, Deutschland bräuchte nur wieder einen Führer, und dann würde alles gut.
Es heißt, man könnte die AfD nicht mit Argumenten bekämpfen, weil weder sie selbst noch ihre Wähler*innen für Argumente zugänglich seien. Man müsse die Menschen über ihre Emotionen erreichen. Vielleicht stimmt das. Vielleicht sprechen wir die falsche Sprache. Vielleicht müssen wir die Flachzangen auch mal Flachzangen nennen.
Lasst uns trotz allem den Mut nicht verlieren. Unsere Kraft wird gebraucht.
Euer
Beisitzer im Kreisverband